Tagblatt 21. November 2016



Tagblatt 7. Oktober 2016

 

Euro-Referat als Dessert

Der Gewerbeverein Amriswil lud zu seinem letzten Businesslunch in diesem Jahr.

Ralph Anderegg wusste, wie er die Amriswiler Gewerbler gewinnen konnte. «Als langjähriger Wirtschaftsprofessor an der Uni Köln weiss ich, wo die Wertschöpfung in der Wirtschaft herkommt – nämlich vom Gewerbe», sagte er zu Beginn seines Referates über den Euro.

Der St. Galler, lange in Egnach wohnhaft gewesen, brachte die Mitglieder des Gewerbevereins immer wieder zum Schmunzeln mit seiner lockeren Art und seinen Sprüchen: «Man sagt ja, das Gewerbe denke von Generation zu Generation. Bei Banken und Versicherungen denken sie bestenfalls von Quartal zu Quartal – manchmal auch nur von einem Tag auf den anderen.»

Der sei ein Lustiger, raunte ein Gewerbler zu seinem Tischnachbarn sichtlich amüsiert, auch wenn das Vortragsthema «Stürzt uns der Euro ins wirtschaftliche Chaos?» ernst war.

Anderegg verhehlte nicht, dass er zu den Europa-Skeptikern gehört. Er sei häufig in Brüssel und besuche seine Doktoranden. «Da höre ich Haarsträubendes», liess er die Anwesenden wissen.

Das lüpfige Referat Andereggs war das Dessert nach dem Blattsalat mit marinierten Kürbiswürfeln, dem Schweinshals vom Barbecue-Smoker mit Bratkartoffeln und Ratatouille. Der nächste GVA-Businesslunch im Schloss Hagenwil findet erst wieder im neuen Jahr statt. (man)


Tagblatt 9. Juni 2016

 

 

 

«Die Besten schicken wir weg»

AMRISWIL ⋅ Die Firma Fiwo verarbeitet ein Drittel der Schweizer Schafwolle. Für Geschäftsführer Hans-Ueli Scherrer steht jedoch der Mitarbeiter, nicht der Gewinn im Zentrum. Der Gewerbeverein Amriswil besuchte den aussergewöhnlichen Betrieb.

 

MANUEL NAGEL

AMRISWIL. Ganz am Rande der Stadt ist die Firma Fiwo untergebracht. Vor drei Jahren zog sie von Bischofszell nach Amriswil an die Sommeristrasse, weil sie in der Rosenstadt an ihre Kapazitätsgrenzen stiess. Hier hat sie nun die doppelte Betriebsfläche zur Verfügung.

Am Rande der Gesellschaft stehen auch viele Mitarbeiter der Firma, die sich als «soziale Firma» bezeichnet. Nebst zehn Festangestellten – dazu gehören Geschäftsführer Hans-Ueli Scherrer, seine Frau Yvonne und Sohn Manuel – beschäftigt Fiwo aktuell auch 22 Langzeitarbeitslose, die dank der 2007 gegründeten Firma Scherrers wieder in den Arbeitsprozess integriert werden sollen. «Unsere Erfolgsquote liegt bei guten 30 Prozent» sagt Scherrer nicht ohne Stolz.

Einziger Grossverarbeiter

«Förderung innovativer Wollverarbeitung Ostschweiz» bedeutet das Kürzel. Der regionale Zusatz «Ostschweiz» stimmt zwar im Bezug auf den Standort, doch ist Fiwo der einzige grosse Wollverarbeiter in der Schweiz. Von 900 Tonnen Schweizer Schafwolle werden in Amriswil 300 Tonnen verarbeitet, weitere 300 in Deutschland, 100 von vielen kleinen Betrieben, und die übrigen 200 Tonnen werden schliesslich verbrannt.

Vor 2007 sei in der Schweiz fast der gesamte Bestand vernichtet worden, weiss Scherrer. Ohne Vorkenntnisse vom Metier Wollverarbeitung baute er sein Geschäft auf. Eine emotionale Komponente gibt es bei ihm dann doch: «Ich wuchs als Kind auf einem Bauernhof auf, wo wir auch Schafe hatten.»

Wolle erlebt Aufschwung

Interesse an dieser aussergewöhnlichen Firma hatten am frühen Montagabend auch über 50 Mitglieder des Amriswiler Gewerbevereins, die zu einer Betriebsbesichtigung eingeladen waren. Ihnen zeigte Scherrer den Maschinenpark und die Produkte, welche damit hergestellt werden. Hauptsächlich beliefert Fiwo die Bauindustrie, in der die Wolle in der letzten Zeit wieder einen Aufschwung erlebt hat. «Wolle hat viele positive Eigenschaften», wirbt Scherrer vor den Gewerblern für das natürliche Produkt. «Der Dämmwert von Wolle ist sehr hoch, sie reguliert den Feuchtigkeitshaushalt und bindet Schadstoffe.» Das Topprodukt der Firma sind dementsprechend Dämmplatten und andere Abdichtungsmaterialien.

600 Mitarbeiter in zehn Jahren

Auch auf seine Mitarbeiter kommt der 59-Jährige zu sprechen. Rund 600 Mitarbeiter hätten in den bald zehn Jahren bei Fiwo gearbeitet. Die Fluktuation sei sehr hoch. «Die besten Mitarbeiter schicken wir immer wieder weg», sagt Scherrer ohne Bedauern. Denn jeder davon – dessen ist sich der gelernte Arbeitsagoge bewusst – macht so einen Schritt aus der Langzeitarbeitslosigkeit heraus.

«Eigentlich bin ich mehr Sozialarbeiter als Geschäftsmann», macht Scherrer aus seinem Herzen keine Mördergrube. Dennoch ist er nun vor allem im operativen Bereich, in der Produkteentwicklung, tätig und nicht in der Basisarbeit mit den Benachteiligten, für deren Betreuung er zwei Vollzeitstellen unterhält.

«Durch diese Arbeit mit den Benachteiligten haben wir auch einen gewissen Bonus in der Bevölkerung», weiss Scherrer, und darauf ist Fiwo auch angewiesen, denn für die Non-Profit-Organisation «steht der Mensch vor dem Gewinn», wie Hans-Ueli Scherrer es ausdrückt.

«Ein wirtschaftlicher Spagat»

«Dennoch müssen wir natürlich schwarze Zahlen schreiben. Das alles unter einen Hut zu bringen ist manchmal schwierig», gibt Scherrer freimütig zu. «Ein wirtschaftlicher Spagat.»

Die Firma stellt aber nicht nur Dämmprodukte her. Aktuell produziert sie für einen Schweizer Snowboardbekleidungshersteller das Wollvlies für die Wattierung, weil der keine synthetischen Fasern mehr will.

Auch Bettwaren produziert Fiwo, und aus 15 Tonnen verdreckter Wolle wird ein Bio-Düngemittel für den Garten hergestellt.

 

 


Tagblatt 18. Mai 2016

Junge beleben den Gewerbeverein

An seiner Versammlung konnte der Gewerbeverein Amriswil mehr Neumitglieder begrüssen, als er Mitglieder verabschieden musste. Das wirtschaftliche Umfeld für das Gewerbe ist allerdings schwieriger geworden.

 

RITA KOHN

AMRISWIL. Dem Amriswiler Gewerbe sitzt der Eurokurs im Nacken. «Dieses Jahr ist die Aufhebung des Mindestkurses auch in den KMU angekommen», sagt Christoph Roth, Präsident des Gewerbevereins Amriswil. Bisher sei es eher ein Gespenst gewesen, nun habe sich die Situation aber verschärft.

«Auch in Amriswil mussten exportierende Unternehmen Stellen abbauen oder Produktionen ins Ausland verlegen», sagt Christoph Roth mit Bedauern. Was für die Gewerbebetriebe belastend ist, wirkt sich bei den Fachgeschäften noch gravierender aus: Hier macht der Einkaufstourismus ins nahe Ausland zu schaffen. «Genauso gravierend ist aber auch die Verlagerung zum Onlinehandel», erklärt Christoph Roth. Fachgeschäfte müssten sich heute nach der Decke strecken und könnten vor allem durch Kundenfreundlichkeit punkten. «Das gelingt unseren ansässigen Fachgeschäften ganz gut», stellt der Gewerbevereinspräsident fest.

Verein wächst

Trotz des schwierigen Umfelds ist der Gewerbeverein Amriswil auf Wachstumskurs. «Wir konnten an unserer Versammlung 15 Neumitglieder aufnehmen», sagt Christoph Roth. Sieben Mitglieder hätten den Verein verlassen. Froh ist der Präsident des Gewerbevereins, dass auch vermehrt junge Mitglieder zum Verein stossen. «Sie beleben den Verein», ist er überzeugt.

Momentan gehören dem Gewerbeverein 226 Mitglieder an. Eine stolze Zahl, wie der Präsident findet. Er ist überzeugt, dass der Zusammenschluss der Gewerbetreibenden zu einem Verein allen Vorteile bringt, ist es doch eine ideale Möglichkeit, sich zu vernetzen und von den Erfahrungen anderer zu profitieren. «Der Austausch ist ein wichtiges Element unserer Vereinstätigkeit», sagt Christoph Roth. Deshalb finden auch immer wieder gesellige Anlässe statt, so unter anderem ein Ausflug oder ein gemeinsames Mittagessen im Schloss Hagenwil, das jeweils durch einen Fachvortrag bereichert wird.

Direkter Draht

Die Vernetzung findet nicht nur auf lokaler Ebene, sondern auch kantonsweit statt. Christoph Roth ist seit kurzem gleichzeitig auch Vorstandsmitglied im Thurgauer Gewerbeverband. «Ich erhoffe mir davon einen direkten Draht zu anderen Gewerbevereinen», begründet Christoph Roth sein Engagement.

Nachwuchs fördern

Ein grosses Augenmerk haben die Mitglieder des Gewerbevereins auf die Ausbildung von Berufsnachwuchs. Sie bieten den Sekundarschülerinnen und Sekundarschülern einerseits die Möglichkeit, einen Blick auf verschiedene Berufe zu werfen, andererseits bieten sie auch Schnupperlehren an.

Eine Änderung hat sich auf dem Lehrstellenmarkt ergeben: In einigen Berufen stünden die Jugendlichen nicht mehr gerade Schlange. «Bis jetzt haben alle ihre Lehrstellen besetzen können, aber die Nachfrage sinkt merklich», sagt Christoph Roth.